Badische Zeitung, 09.03.2009
"Europa Illegal" am Stadttheater Freiburg
Wir sind die neuen Menschen
- Wenn
das Theater
Freiburg neben der zweiten Auszeichnung hintereinander "für
die überzeugendste Theaterarbeit in Deutschland abseits der großen
Theaterzentren" auch den höchsten Erlös aus Ticketverkäufen
seiner Geschichte erzielte, liegt das unter anderem an seiner
konsequenten Politik der Einmischung in die und Vernetzung mit den
gesellschaftlichen Gegebenheiten. Eine der wichtigen Einmischungs-
und Vernetzungszentralen ist die kleine Kammerbühne. Immer wieder
gehen dort Theatertexte Verbindungen mit erläuternden Vorträgen
oder Kampagnen ein, um der Realität unserer "Festung Europa"
auf den Zahn zu füh-len. Was dort inszeniert wird, lässt sich
daher oft nicht nur als theatrale Inszenierung besprechen.
So auch bei der Premiere von "Europa. Illegal." Grundlage ist Björn Bickers gerade erschienenes Buch illegal. wir sind viele. wir sind da (Kunstmann Verlag, 14,90 Euro). Bicker ist Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Über anderthalb Jahre hat er recherchiert und Gespräche geführt, um dem Leben von Illegalen, Menschen, die ohne Papiere und Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland leben, nachzuspüren. Daraus entstand ein Theaterabend in München, dann hat Bicker das Material zu einer rasanten und beeindruckenden Textcollage verdichtet.
Vier Einzelstimmen und ein Chor erhält das Phänomen Illegale. Der selbstbewusste Ukrainer: "Wenn sie nicht wollen dass ich komme, ist mir das scheißegal." Der Kurde, der sich ein Papphaus in der Betonruine an der Ausfallstraße baut. Die Ecuadorianerin, die ihr Kind legalisiert, um es zu verlieren und sich zu versklaven. Die deutsche Helferin, die sich für ihre Hilfe rechtfertigen muss. Vier kunstvolle Extrakte aus unzähligen Einzelleben, die einen ungeheuren Sog entwickeln und in ihrer Ästhetisierung dem Leben näher rücken als das rein Dokumentari-sche. Und deren Konsequenz von der Chorstimme mit der Überzeugungskraft eines Popsongs sich in immer größeren Schleifen durch den Text zieht: Illegale sind kein zu lösendes Übergangs- oder Randphänomen: "wir sind schneller als ihr / wir sind stärker als ihr / wir sind die neuen menschen (…) ihr seid zu teuer (…) ihr werdet die welt nicht mehr verstehen (…) ihr werdet aussortiert (…) ihr seid von gestern."
Ein toller Text, den man nur überzeugend sprechen muss, damit er auch auf der Bühne wirkt. Das Ensemble unter der Regie von Julia Hübner hat anderes damit vor. Es möchte nicht einen Theaterabend gestalten, sondern den Text nutzen, um eine Kampagne möglichst überzeugend zu dekorieren. Anna Böger (31) verkündet es als Moderatorin des Abends: Die Premiere ist gleichzeitig der Beitritt Freiburgs zur deutschlandweiten Bewegung "save me – Flüchtlinge aufnehmen!". Am Ende der Vorstellung wird live per Skype zu einem der Kampagneninitiatoren nach Tübingen geschaltet, um für den Beitritt zu werben. Der Programmzettel ist praktischerweise ein Unterstützerformular, das man nur ausfüllen und abgeben muss.
Unter diesen Umständen haben es die Schauspieler schwer, den Text adäquat umzusetzen. Vielleicht bekommt Bickers Text deswegen einen märchenhaften Vorspann, für den Anna Böger aus einer Art Puppenbühnenklappe die Märchentante gibt, um darauf hinzuweisen, dass dies weniger eine Inszenierung als ein Charityabend wird. Umso höher ist es den beiden Laiendarstellern Sophia Emmerich (16) und Vincent Fach (12) anzurechnen, dass sie immer wieder die Eindringlichkeit von Bickers Text anklingen lassen. Inszenatorisch bleibt der Grundeindruck, dass gut gemeint nicht gut gemacht sein muss. Andererseits haben während der Vorstellung etliche Besucher per SMS ihre Bereitschaft signalisiert, Flüchtlinge zu betreuen und sogar aufzunehmen. Da muss man sich wohl der Frage nach dem Theater als moralische Anstalt stellen. Ist es das? Und wenn ja, dient es diesem Zweck eher durch eine ästhetische Katharsis oder durch die aktive Werbung von Flüchtlingshelfern?


