Eindrücke aus einem Freiburger Flüchtlingswohnheim
Friedvolle Weihnachten...?
Eine kleine Szene, die sich so vor kurzem in einem Freiburger Flüchtlingswohnheim abgespielt hat, mit gewissen Parallelen zur Weihnachtsgeschichte: Flucht, Heimatlosigkeit, Bedrohung, Herbergssuche...
Drei junge Mütter, Roma-Frauen aus dem Kosovo, seit etwa einem Jahr in Deutschland, hocken um einen kleinen Couchtisch herum, mühen sich ab mit einem Blatt, auf dem zu den Buchstaben des Alphabets Wörter eingetragen werden sollen. Ja, einige Wörter kennen sie schon. Aber Schreiben fällt ihnen sehr, sehr schwer. Sie waren in ihrem Herkunftsland nicht zur Schule gegangen – wie die meisten aus ihrer Volksgruppe, wie die Sinti, die „Ägypter“, die Ashkali und andere Minderheiten. Eine von den dreien hatte mir radebrechend, mit viel gestischem und mimischem Einsatz zu verstehen gegeben, dass sie sich heute gar nicht konzentrieren kann, dass sie voller Sorge und Furcht vor Abschiebung ist. Diese Sorge ist leider durchaus berechtigt angesichts der juristischen Situation. Die Familie kam im Januar aus Belgien, einem sog. „sicheren Drittland“. Ihr Asylantrag war dort negativ beschieden worden. Sie waren zu viert (das Elternpaar mit zwei kleinen Kindern im Alter von 2 bzw. 5 Jahren) der Abschiebung aus Belgien durch Flucht zuvorgekommen. Aus dem Freiburger Heim ist erst im Sommer eine Familie in einer vergleichbaren Situation morgens früh von der Polizei abgeholt und irgendwohin zum Weitertransport nach Ungarn gebracht worden.
R., die junge, sonst immer ganz lernbegierige Mutter, lässt sich zum Mitmachen motivieren, trotz aller Probleme. Der große Sechsjährige hat im Kindergarten schon prima Deutsch gelernt, stellt auf meine Bitte hin rücksichtsvoll den Ton des Fernsehers ab und begnügt sich mit den Bildern. Der dreijährige S. verschwindet in die Gemeinschaftsküche (jeweils von mehreren Familien zu nutzen) und schleppt einen Stuhl herein. Den stellt er genau neben unseren „Arbeitstisch“, klettert hinauf, setzt sich im Schneidersitz auf seinen „Thron“ und verfolgt mit engelsgleicher Geduld, was die Mütter da mit Bleistift und Papier zuwege bringen. Er unterbricht seine Sitzung nur hin und wieder, um die kleine erst im Sommer hier geborene Schwester ein wenig zu streicheln.
Ein Freiburger Rechtsanwalt hatte – offenbar wegen Aussichtslosigkeit – das Mandat für die Familie niedergelegt. Die Sozialarbeiterin des Heims hatte bei der Vermittlung an einen weiteren Rechtsanwalt geholfen. Dessen Büro liegt weit weg, außerhalb des Landkreises. Dank Residenzpflicht wäre eine Fahrt dorthin ein Gesetzesübertritt. Die Ausländerbehörde Freiburg hat eine Sondererlaubnis für die Fahrt zu dem Rechtsanwalt erteilt. Ein Rom, der schon einige Jahre hier lebt, ist als „Not-Dolmetscher“ dabei. Und nun heißt es wieder: warten, hoffen, bangen......... Seit 3 Tagen gibt es Gewissheit: das Asylgesuch für die kleine Tochter liegt dem Regierungspräsidium Karlsruhe vor. Solange die bürokratischen Mühlen mahlen, ist keine Abschiebung zu befürchten. Und danach?
Eine ein paar Jahre ältere Freundin hat mir öfter von ihren Kindheitserinnerungen erzählt: Menschen aus ihrer Nachbarschaft wurden abgeholt. Niemand wusste den Grund, wusste, wohin sie kamen. Niemand konnte etwas dagegen tun, weil ja alles nach dem Buchstaben des Gesetzes gelaufen war. Abschiebungen – durchaus in gewisser Weise mit Deportationen vergleichbar? Experten mit Kenntnis der Lebensverhältnisse z.B. für Roma im Kosovo kommen einhellig zu dem Schluss, dass „Rückführungen“ eine Abschiebung in die Perspektivlosigkeit bedeuten (so: Pro Asyl, Aktion Sühnezeichen Friedensdienst u.a.).
Das sind Erlebnisse, Gedanken, die einer echten Weihnachtsfreude bei mir im Wege stehen, die ich gern mitteilen möchte.
Anne-Dorothea Segger
Lesen Sie hier einen Bericht über die rechtliche und soziale Ausgrenzung von Asylsuchenden und Geduldeten in Deutschland.

